Listen

Berühmte britische Bands: Beatles, Stones, Queen und die Legenden, die den Rock aus UK in die Welt brachten

Von Johan Steppuhn · · 11 Min. Lesezeit

Kein anderes Land der Welt hat pro Kopf so viele legendäre Bands hervorgebracht wie Großbritannien. Von den Beatles über Led Zeppelin bis hin zu den Arctic Monkeys, die britischen Inseln sind seit über sechs Jahrzehnten eine scheinbar unerschöpfliche Qülle musikalischer Innovation. Wir nehmen die größten britischen Bands unter die Lupe, sortiert nach Epochen, und gehen der Frage nach, warum gerade dieses vergleichsweise kleine Land die Rockmusik so nachhaltig geprägt hat.

Warum Großbritannien? Die Gründe für die musikalische Dominanz

Bevor wir in die einzelnen Epochen einsteigen, lohnt sich ein Blick auf die Frage, warum ausgerechnet Großbritannien so viele bedeutende Bands hervorgebracht hat. Die Antwort liegt in einem einzigartigen Zusammenspiel kultureller, sozialer und institutioneller Faktoren.

Die britischen Art Schools spielten eine entscheidende Rolle. Anders als in vielen anderen Ländern konnten junge Künstler in Großbritannien Kunsthochschulen besuchen, die kreatives Experimentieren förderten. John Lennon, Pete Townshend, Keith Richards, Freddie Mercury, Syd Barrett, Jö Strummer und zahllose weitere Rockstars besuchten Art Schools. Dort lernten sie nicht nur künstlerisches Denken, sondern trafen auch auf Gleichgesinnte.

Die BBC war ein weiterer entscheidender Faktor. BBC Radio, insbesondere die legendäre Sendung „John Peel’s Show”, gab unbekannten Bands eine Plattform, die es in anderen Ländern schlicht nicht gab. Peel spielte zwischen 1967 und 2004 über 2.000 Bands zum ersten Mal im Radio und ermöglichte damit zahllose Karrieren. Dazu kamen Sendungen wie „Top of the Pops”, die Musik visüll ins Wohnzimmer brachten.

Schliesslich waren die Council Estates, die öffentlichen Wohnsiedlungen Großbritanniens, ein Nährboden für musikalische Kreativität. In einer Gesellschaft mit ausgeprägtem Klassenbewusstsein war Musik für junge Menschen aus der Arbeiterklasse einer der wenigen Wege, dem vorgezeichneten Lebensweg zu entkommen. Die Wut, die Langeweile und der Ehrgeiz, die in diesen Siedlungen entstanden, fanden ihren Ausdruck in der Musik, von Punk bis Britpop.

Die British Invasion der 1960er Jahre

The Beatles: Die Band, die alles veränderte

The Beatles aus Liverpool sind die grösste Band der Musikgeschichte, daran führt kein Weg vorbei. Zwischen 1962 und 1970 veröffentlichten John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr 13 Studioalben, die die populäre Musik grundlegend veränderten. Von der Beatlemania der frühen Jahre, als kreischende Fans Flughäfen lahmlegten, bis hin zu den experimentellen Meisterwerken der späten Phase (Revolver, Sgt. Pepper’s, Abbey Road) war jede Phase der Band ein Meilenstein. Über 600 Millionen verkaufte Tonträger machen die Beatles zur meistverkauften Musikgruppe aller Zeiten.

The Rolling Stones: Die ewigen Rivalen

The Rolling Stones waren das Gegenprogramm zu den Beatles: raür, gefährlicher, sexüller. Während die Beatles die netten Jungs von nebenan waren, verköerperten Mick Jagger und Keith Richards den Rock’n’Roll-Outlaw. Gegründet 1962 in London, spielen die Stones seit über 60 Jahren und haben mit Songs wie „(I Can’t Get No) Satisfaction”, „Jumpin’ Jack Flash” und „Gimme Shelter” einige der größten Rocksongs aller Zeiten geschaffen. Ihr Gesamtwerk umfasst über 30 Studioalben und über 240 Millionen verkaufte Tonträger.

The Who: Die Zerstörer

The Who aus London, gegründet 1964, waren die zerstörerischste und experimentierfreudigste Band der British Invasion. Pete Townshend zerlegte Gitarren auf der Bühne, Keith Moon demolierte sein Schlagzeug, und Roger Daltrey schleuderte sein Mikrofon durch die Luft. Doch hinter der Zerstörungswut steckte enorme musikalische Substanz: „Tommy” (1969) war die erste Rockoper, „Who’s Next” (1971) eines der besten Alben aller Zeiten, und „My Generation” (1965) die Hymne einer ganzen Jugendbewegung. The Who verkauften über 100 Millionen Alben weltweit.

The Kinks, The Animals und andere

Die British Invasion umfasste weit mehr als nur die drei großen Namen. The Kinks lieferten mit „You Really Got Me” (1964) einen der ersten echten Hard-Rock-Songs und inspirierten mit „The Village Green Preservation Society” (1968) späater den Britpop. The Animals aus Newcastle landeten mit „The House of the Rising Sun” (1964) einen Welthit. Und die Yardbirds waren die Kaderschmiede für gleich drei legendäre Gitarristen: Eric Clapton, Jeff Beck und Jimmy Page.

Progressive Rock und Glam Rock der 1970er Jahre

Led Zeppelin: Die Titanen

Led Zeppelin, gegründet 1968 in London, waren die dominante Rockband der 1970er Jahre. Jimmy Pages Gitarrenarbeit, Robert Plants Gesang, John Paul Jones’ Vielseitigkeit und John Bonhams erderschütterndes Schlagzeug schufen einen Sound von monumentaler Wucht. „Stairway to Heaven” ist der berühmteste Rocksong aller Zeiten, und Alben wie „Led Zeppelin IV” (1971) und „Physical Graffiti” (1975) gehören zum Kanon der Rockmusik. Mit über 300 Millionen verkauften Alben sind Led Zeppelin eine der kommerziell erfolgreichsten Bands der Geschichte.

Pink Floyd: Die Visionäre

Pink Floyd aus London trieben die Grenzen der Rockmusik weiter als jede andere Band. Ihre Konzeptalben, allen voran „The Dark Side of the Moon” (1973), „Wish You Were Here” (1975) und „The Wall” (1979), waren monumentale Werke, die Musik, Philosophie und visülle Kunst verbanden. „The Dark Side of the Moon” verbrachte 937 Wochen in den US-Charts und verkaufte sich über 45 Millionen Mal. Pink Floyd bewiesen, dass Rockmusik genauso tiefgründig sein kann wie klassische Kunst.

Queen: Die Universalgenies

Queen, gegründet 1970 in London, sprengten jede Genregrenze. Freddie Mercury, Brian May, Roger Taylor und John Deacon schufen Musik, die von Oper über Heavy Metal bis Disco alles abdeckte, oft innerhalb eines einzigen Songs. „Bohemian Rhapsody” (1975) ist ein sechs Minuten langes Meisterwerk, das bei seiner Veröffentlichung alle Konventionen brach. Queens Live-Aid-Auftritt 1985 gilt als die beste Live-Performance der Rockgeschichte. Über 300 Millionen verkaufte Alben sprechen für sich.

David Bowie und der Glam Rock

David Bowie, obwohl ein Solokünstler, gehört in jede Liste britischer Musiklegenden. Mit seinem Alter Ego Ziggy Stardust definierte er den Glam Rock und bewies, dass Rockmusik auch Theater sein kann. Alben wie „The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars” (1972) und „Aladdin Sane” (1973) waren visüll und musikalisch revolutionär. Neben Bowie prägten T. Rex um Marc Bolan, Roxy Music und Slade den Glam-Rock-Sound der frühen 1970er Jahre.

New Wave, Synth-Pop und Punk: Die 1980er Jahre

The Clash: Punk mit Haltung

The Clash, gegründet 1976 in London, waren die intellektüllste und musikalisch vielfältigste Punk-Band. Während die Sex Pistols den Punk zwar zündeten, aber nach einem einzigen Album zerfielen, schufen The Clash mit „London Calling” (1979) ein Doppelalbum, das Punk, Reggä, Rockabilly und Ska verband und vom Rolling Stone zum besten Album der 1980er Jahre gewählt wurde. Jö Strummers politisch engagierte Texte und Mick Jones’ Gitarrenarbeit machten The Clash zur „einzigen Band, die zählt”, wie es ein berühmter Aufkleber formulierte.

Depeche Mode: Elektronik aus Basildon

Depeche Mode, gegründet 1980 im Vorort Basildon in Essex, brachten den Synthesizer in den Mainstream und schufen einen dunklen, atmosphärischen Sound, der Millionen faszinierte. Von den frühen Synth-Pop-Hits wie „Just Can’t Get Enough” (1981) bis zu den düsteren Meisterwerken „Violator” (1990) und „Songs of Faith and Devotion” (1993) durchliefen Depeche Mode eine bemerkenswerte Entwicklung. Mit über 100 Millionen verkauften Tonträgern gehören sie zu den erfolgreichsten Bands aller Zeiten, und ihre Live-Shows in Stadien weltweit sind legendär.

The Cure: Gothic-Pop-Ikonen

The Cure, gegründet 1976 in Crawley von Robert Smith, sind eine der einflussreichsten britischen Bands überhaupt. Ihr Sound bewegte sich zwischen düsturem Post-Punk („Seventeen Seconds”, „Faith”, „Pornography”) und eingängigem Pop („Boys Don’t Cry”, „Friday I’m in Love”, „Lovesong”). Robert Smiths markantes Erscheinungsbild, verschmierter Lippenstift und wirre Haare, wurde zur Ikone der Gothic-Subkultur. The Cure erhielten 2019 die längst überfällige Aufnahme in die Rock and Roll Hall of Fame.

Iron Maiden: Die Metal-Institution

Iron Maiden, gegründet 1975 in Leyton (Ost-London) von Bassist Steve Harris, sind die grösste britische Metal-Band und weltweit eine der einflussreichsten Bands des Heavy Metal. Mit Sänger Bruce Dickinson und dem ikonischen Maskottchen Eddie schufen Iron Maiden einen epischen, galloppierenden Sound, der Millionen begeistert. Alben wie „The Number of the Beast” (1982), „Powerslave” (1984) und „Seventh Son of a Seventh Son” (1988) sind Meilensteine des Genres. Über 100 Millionen verkaufte Alben und ausverkaufte Stadien auf allen Kontinenten unterstreichen ihren Status.

Britpop: Die 1990er Jahre

Oasis: Working-Class-Helden aus Manchester

Oasis, gegründet 1991 in Manchester von den Brüdern Nöl und Liam Gallagher, waren die definitive Britpop-Band. Ihr Debütalbum „Definitely Maybe” (1994) war das am schnellsten verkaufte Debütalbum in der britischen Chartgeschichte, bevor es von ihrem zweiten Album „(What’s the Story) Morning Glory?” (1995) noch übertroffen wurde. Songs wie „Wonderwall”, „Don’t Look Back in Anger” und „Live Forever” wurden zu Hymnen der 1990er Jahre. Die Rivalität mit Blur („Battle of Britpop” 1995) dominierte die britischen Medien monatelang. Oasis verkauften weltweit über 75 Millionen Alben.

Radiohead: Jenseits aller Kategorien

Radiohead aus Oxfordshire begannen als Alternative-Rock-Band mit dem Hit „Creep” (1993), entwickelten sich aber zu einer der experimentierfreudigsten Bands der Musikgeschichte. „OK Computer” (1997) war ein Meilenstein, der die Paranoia des digitalen Zeitalters in Klang übersetzte. Mit „Kid A” (2000) wagten Thom Yorke und seine Bandkollegen den radikalen Bruch mit konventionellen Rockstrukturen und integrierten elektronische Musik, Jazz und Avantgarde. Radiohead sind die Band, die immer wieder alles auf Null setzt und sich neu erfindet.

Blur und die Britpop-Rivalen

Blur, gegründet 1988 in London, waren die kunsthöchschulische Seite des Britpop. Damon Albarn und Graham Coxon schufen mit „Parklife” (1994) und „The Great Escape” (1995) intelligente, ironische Popmusik, die das britische Alltagsleben porträtierte. Ihre spätere Entwicklung, insbesondere das selbstbetitelte Album „Blur” (1997) mit dem Hit „Song 2″, zeigte eine härtere, amerikanisch beeinflusste Seite. Neben Blur und Oasis prägten Suede, Pulp (mit Jarvis Cockers brillantem „Common People”), Elastica und Supergrass die Britpop-Ära.

Die moderne Ära: 2000er bis heute

Coldplay: Stadionrock für das 21. Jahrhundert

Coldplay, gegründet 1996 in London, sind die kommerziell erfolgreichste britische Band des 21. Jahrhunderts. Chris Martins emotionaler Gesang und Jonny Bucklands atmosphärische Gitarrenarbeit schufen mit Alben wie „Parachutes” (2000), „A Rush of Blood to the Head” (2002) und „Viva la Vida or Death and All His Friends” (2008) einen Sound, der Stadien auf der ganzen Welt füllte. Mit über 100 Millionen verkauften Alben und einigen der erfolgreichsten Tourneen der Musikgeschichte sind Coldplay ein globales Phänomen. Ihre „Music of the Spheres World Tour” brach mehrere Rekorde.

Arctic Monkeys: Indie-Rock-Könige

Die Arctic Monkeys aus Sheffield zeigten 2006, wie das Internet die Musikindustrie verändern konnte. Ihr Debütalbum „Whatever People Say I Am, That’s What I’m Not” wurde zum am schnellsten verkauften Debütalbum in der britischen Geschichte und übertraf sogar Oasis’ Rekord. Alex Turners wortgewandte Texte und die energetische Gitarrenmusik machten die Band zur Stimme einer neun Generation britischer Jugendlicher. Mit „AM” (2013) erreichten die Arctic Monkeys ein globales Publikum, und das experimentelle „Tranquility Base Hotel & Casino” (2018) bewies, dass die Band sich nicht auf Bewäährtem ausruht.

Muse: Prog-Rock für die Gegenwart

Muse, gegründet 1994 in Teignmouth, Devon, verbinden Progressive Rock, elektronische Musik und Stadionrock zu einem überwältigenden Gesamterlebnis. Matt Bellamys virtuoses Gitarrenspiel und sein falsettreicher Gesang, gepaart mit den dystopischen Themen ihrer Texte, schufen einen unverwechselbaren Sound. Alben wie „Origin of Symmetry” (2001), „Absolution” (2003) und „Black Holes and Revelations” (2006) sind Meilensteine des modernen Rock. Muses Live-Shows mit aufwendigen Bühnenbauten und Spezialeffekten gehören zu den spektakulärsten der Musikwelt.

Weitere wichtige Bands der Gegenwart

Die britische Musikszene bleibt auch in den 2020er Jahren äusserst produktiv. Florence and the Machine haben mit Florence Welchs dramatischem Gesang und orchestralen Arrangements einen einzigartigen Indie-Baroqü-Pop geschaffen, der Stadien füllt. Royal Blood, ein Duo aus Brighton bestehend nur aus Bass und Schlagzeug, beweisen, dass man keine Gitarre braucht, um hart zu rocken. Ihr Debütalbum (2014) ging in Großbritannien direkt auf Platz eins.

Foals aus Oxford verbinden Indie Rock mit mathematischen Rhythmen und tanzbaren Grooves. Bands wie IDLES aus Bristol halten mit rohem Post-Punk und politischen Texten die Tradition britischer Protestmusik am Leben. Und Wet Leg von der Isle of Wight zeigten 2022 mit ihrem vielbeachteten Debütalbum, dass britischer Indie-Rock auch mit Humor und Selbstironie funktioniert. Die nächste Generation steht bereits in den Startlöchern.

Fazit: Eine musikalische Supermacht

Von der British Invasion der 1960er Jahre über den Progressive Rock der 1970er, Punk und New Wave in den 1980ern, Britpop in den 1990ern bis hin zur modernen Indie-Szene: Großbritannien hat in jeder Dekade Bands hervorgebracht, die die Rockmusik grundlegend geprägt haben. Die Kombination aus Art Schools, BBC-Förderung, einer ausgepreagten Arbeiterklasse-Kultur und einem kleinen, gut vernetzten Land mit einer Leidenschaft für Live-Musik hat einen Nährboden geschaffen, der weltweit einzigartig ist.

Die Liste der berühmten britischen Bands liesse sich nahezu endlos fortsetzen: Black Sabbath, Genesis, Dire Straits, The Smiths, Joy Division, New Order, Massive Attack, Gorillaz und viele mehr. Großbritannien ist und bleibt die musikalische Supermacht, die es seit den 1960er Jahren ist. Und wenn man sich die nächste Generation junger britischer Bands ansieht, wird sich daran so schnell nichts ändern.