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Psychedelic Rock: Wie LSD, Feedback und die Summer of Love in den 60ern einen völlig neuen Rocksound entstehen ließen

Von Johan Steppuhn · · 4 Min. Lesezeit
Psychedelische Rockkunst mit lebendigen Farben und surrealen Mustern aus den 60ern

Es gibt Musik, die man hört – und Musik, die man erlebt. Psychedelic Rock gehört zur zweiten Kategorie. Mitte der 1960er Jahre, mitten in der Counterculture-Bewegung, entwickelte sich ein Sound, der nicht einfach unterhalten, sondern den Bewusstseinszustand des Hörers erweitern wollte. Ob das gelang, ist Ansichtssache. Dass er die Rockmusik für immer veränderte, nicht.

Die Wurzeln des Psychedelic Rock

Psychedelic Rock entstand nicht im Vakuum. Die Bewegung wuchs parallel zur Gegenkultur der Sechziger – LSD, Vietnam-Proteste, Flower Power. Der Sound sollte diese Erfahrungen spiegeln oder sogar auslösen. Das Hauptmerkmal war von Anfang an klar definiert: Musik als Simulation oder Erweiterung psychedelischer Erfahrungen.

San Francisco wurde zum Epizentrum. Die Haight-Ashbury-Szene brachte Bands hervor, die Konzerte als Gesamterlebnis verstanden – mit Lichtshows, freier Improvisation, Stücken ohne festes Ende. Wer damals in die Fillmore Auditorium ging, wusste nicht unbedingt, wann er wieder herauskommen würde.

Schlüsselbands auf beiden Seiten des Atlantiks

Jefferson Airplane stehen für den kommerziell erfolgreichsten Moment dieser Bewegung. Ihr Album Surrealistic Pillow von 1967 brachte mit „White Rabbit” einen Song, der Lewis Carrolls Welt durch eine sehr andere Brille betrachtete. Grace Slicks Stimme – klar, durchdringend, fast befehlend – passte perfekt zu Texten, die zwischen Märchen und Drogenreferenz changierten.

Grateful Dead gingen einen anderen Weg. Kein Fokus auf Hitsingles, sondern auf das Live-Erlebnis. Konzerte dauerten bis zu drei Stunden, kein Set war wie das andere, Improvisationen dehnten Songs ins Grenzenlose. Eine Fangemeinde, die sich Deadheads nannte, folgte der Band durch das ganze Land.

The Doors kamen aus Los Angeles, gegründet 1965, mit einem Sound, der düsterer war als das, was aus San Francisco kam. Jim Morrison interessierte sich für Nietzsche und Rimbaud mehr als für Blumengirlanden. „Light My Fire” von 1967 schaffte es in die Charts – aber das war nur die sauber produzierte Oberfläche einer Band, die live ganz andere Wege ging.

In Großbritannien lief die Entwicklung parallel, aber mit eigenem Charakter. Pink Floyd starteten 1967 mit The Piper at the Gates of Dawn – komplett unter dem Einfluss von Syd Barrett, dessen visionäres, instabiles Genie den Sound dieser frühen Phase prägte. Zur gleichen Zeit veröffentlichten The Beatles Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band, das Konzeptalbum schlechthin, das zeigte, wie weit sich Popmusik von der Drei-Minuten-Single entfernen konnte.

Klangtechnik als Kunstform

Was Psychedelic Rock von anderen Genres trennte, war der Umgang mit dem Studio. Feedback wurde nicht vermieden, sondern eingesetzt. Reverse Recording – Spuren rückwärts abspielen – erzeugte einen verfremdenden, traumhaften Effekt. Phasershifter ließen Gitarren schweben. Die Sitar, durch Ravi Shankar in westliche Ohren gebracht, tauchte auf Beatles-Alben auf und verlieh dem Sound eine fernöstliche Dimension.

Lange Instrumentalpassagen ersetzten die klassische Songstruktur. Manche Stücke hatten keine Bridge, kein Chorus – nur eine Entwicklung, die irgendwo ankam oder auch nicht. Das war kein Mangel an Handwerk. Es war eine andere Vorstellung davon, was ein Song leisten soll.

Jimi Hendrix passt in keine Schublade, aber er war eine der wichtigsten Brücken zwischen Blues und Psychedelia. Seine Beherrschung des Feedbacks, seine Fähigkeit, die Gitarre als Klangmaschine zu behandeln, beeinflusste jeden, der danach ein Effektpedal benutzte.

Aus diesen Experimenten heraus wuchsen Anfang der Siebziger neue Richtungen. Progressive Rock übernahm die Komplexität und dehnte sie weiter aus – in Richtung Konzeptalben, Orchester-Arrangements, epische Songzyklen. Andere Bands trieben den Klang in dunklere, schwerere Gefilde; was dabei entstand, legte den Grundstein für das, was Black Sabbath kurz darauf als Heavy Metal definieren würde.

Das moderne Erbe

Psychedelic Rock ist kein abgeschlossenes Kapitel. MGMT veröffentlichten 2007 mit Oracular Spectacular ein Album, das den Sixties-Sound mit Synthesizern und modernem Produktions-Know-how neu zusammensetzte. Tame Impala – im Kern Kevin Parker alleine im Studio – schufen mit Currents (2015) einen Sound, der eindeutig in dieser Tradition steht, aber vollständig im 21. Jahrhundert verortet ist.

Was bleibt, ist ein Prinzip: Musik muss nicht abbilden, was ist. Sie kann zeigen, was sein könnte. Das war der Kern des Psychedelic Rock in den Sechzigern – und es ist der Grund, warum Bands heute noch auf dieselben Techniken zurückgreifen, denselben Mut zur Auflösung von Strukturen suchen. Der Sound verändert sich. Die Absicht bleibt.